
RatgeberAus dem Pflegealltag
Die kurze Antwort
Bei einer Demenz hängt fast alles an der Tagesform. An guten Tagen läuft die Versorgung genauso ab wie bei allen anderen Menschen, die wir betreuen. An schlechten Tagen bleibt die Leistung dieselbe. Was sich ändert, ist der Weg dorthin.
Und ein Satz gilt bei uns an jedem Tag. Es wird niemand zu etwas gezwungen.
Gute Tage und schlechte Tage
Angehörige beschreiben uns das oft als Achterbahn. Gestern hat die Mutter noch selbst den Kaffee aufgesetzt und über die Nachbarin geschimpft, heute weiß sie nicht, wofür die Zahnbürste da ist.
Diese Schwankung ist keine Verschlechterung, die man aufhalten müsste, und sie ist auch kein Zeichen dafür, dass etwas falsch gemacht wurde. Sie gehört zum Krankheitsbild. Wer das weiß, nimmt sich einen großen Teil des Drucks.
Für uns heißt das, dass unsere Pflegekräfte mit einer Absicht in die Wohnung gehen und den Plan erst dort machen. Der Plan entsteht in den ersten zwei Minuten.
Wie ein schlechter Tag abläuft
Wenn jemand verwirrt, misstrauisch oder abweisend ist, versucht die Pflegekraft zuerst, ihn dort abzuholen, wo es an diesem Morgen Sinn ergibt. Nicht dort, wo der Leistungsnachweis anfängt.
Dann wird geredet. In Ruhe, ohne Hast, ohne Diskussion darüber, welches Jahr gerade ist. Sie erklärt, warum sie da ist und was gleich passieren soll, und sie erklärt es so oft, wie es nötig ist. Der Zweck des Einsatzes wird benannt, nicht umgangen.
Meistens reicht das. Wenn nicht, wird nichts erzwungen.
Wenn jemand laut wird
Aggressivität kommt vor. Schimpfen, Wegstoßen, manchmal auch ein Schlag.
Unsere Kräfte reagieren darauf ruhig und sachlich. Sie lassen sich nicht beeindrucken und sie nehmen es nicht persönlich, weil es nicht persönlich gemeint ist. Der Mensch wehrt sich gegen eine Situation, die er in diesem Moment nicht einordnen kann.
Wenn es an diesem Morgen nicht geht, dann geht es an diesem Morgen nicht. Dann fährt die Pflegekraft später noch einmal hin und versucht es erneut. In aller Regel klappt es beim zweiten Anlauf.
Für Angehörige ist das oft die überraschendste Information, nämlich dass Zurückziehen und Wiederkommen eine Methode ist und kein Scheitern.
Der wichtigste Unterschied: einbeziehen statt versorgen
Das ist der Punkt, auf den wir bei Demenz am meisten achten.
Wir versuchen, den Menschen an seiner eigenen Versorgung zu beteiligen, statt sie an ihm durchzuführen. Das kann bedeuten, dass jemand den Waschlappen selbst hält, auch wenn es dann länger dauert. Dass er sich das Hemd selbst zuknöpft, auch wenn zwei Knöpfe verrutschen. Dass er gefragt wird, welchen Pullover er heute möchte.
Der Grund ist nicht Pädagogik. Der Grund ist Würde. Wer bei allem nur noch stillhalten soll, spürt jeden Tag aufs Neue, dass er hilfebedürftig ist. Genau dieses Gefühl wollen wir so klein wie möglich halten, und genau daraus entsteht auch weniger Abwehr.
Warum die Uhrzeit bei Demenz zählt
Direkt nach dem Aufwachen ist es häufig am schwierigsten. Der Mensch ist noch nicht angekommen, der Raum ist noch nicht sortiert, und dann steht jemand im Schlafzimmer. Zwei oder drei Stunden später läuft dieselbe Versorgung oft völlig unproblematisch.
Weil wir unsere Touren nach Stadtteilen planen und wissen, wann wir wo sind, können wir das berücksichtigen. Wie eine Tour entsteht, steht im Beitrag Warum wir um sechs vor Ihrer Tür stehen.
Am Mittag fahren wir dann noch einmal zu einem Teil dieser Menschen. Meistens geht es um Medikamente, die sonst liegen bleiben würden. Das sind kurze Einsätze, manchmal fünf Minuten, und sie entscheiden trotzdem darüber, ob jemand zu Hause bleiben kann.
Was Angehörigen am schwersten fällt
Nach unserer Erfahrung ist es nicht die Pflege. Es ist das Annehmen.
Wir erleben oft, dass Familien die Diagnose kennen und sie trotzdem nicht wirklich gelten lassen. Dann fallen Sätze wie jetzt stell dich doch nicht so an oder das weißt du doch ganz genau. Oder es kommt gar kein Satz mehr, sondern nur noch Anspannung, und irgendwann Wut, weil dieselbe Frage zum zwölften Mal an diesem Vormittag kommt.
Das ist menschlich und wir verurteilen es nicht. Es ist der eigene Vater. Man kennt ihn anders, man hat ihn ein Leben lang anders erlebt, und man möchte ihn so nicht sehen.
Es hilft nur leider niemandem. Wer korrigiert, diskutiert oder darauf besteht, dass etwas doch bekannt sein müsste, gewinnt nichts und verliert Kraft. Der andere kann nicht darauf zugreifen. Er stellt sich nicht an.
Was stattdessen trägt
Die Wiederholung annehmen. Dieselbe Frage kommt wieder. Sie kommt heute noch fünfmal, und morgen auch. Wer sie fünfmal ruhig beantwortet, hat am Ende des Tages mehr Kraft übrig als jemand, der beim dritten Mal laut wird.
Nicht gegen die Erinnerung argumentieren. Wenn die Mutter auf den Vater wartet, der seit acht Jahren tot ist, dann bringt die Wahrheit an dieser Stelle nichts außer einem frischen Schmerz. Sie würde ihn morgen noch einmal bringen.
Die Geduld aufbringen, die man sonst für ein Kind aufbringt. In der Pflege wird dieser Vergleich oft benutzt, und er ist nicht herablassend gemeint. Gemeint ist die Bereitschaft, hundertmal dasselbe zu sagen, ohne genervt zu sein. Der Mensch bleibt dabei ein Erwachsener, mit seiner Geschichte und mit seiner Würde. Nur die Erwartung, die man an ihn richtet, muss eine andere werden.
Das ist kräftezehrend. Wir sagen nicht, dass es leicht sei. Wir sagen nur, dass es der einzige Weg ist, der auf Dauer funktioniert, und dass Familien, die ihn gehen, spürbar ruhiger werden.
Wenn Sie darüber reden möchten, ohne dass daraus gleich ein Auftrag wird, kommen Sie mittwochs zwischen 15 und 17 Uhr vorbei. Dafür ist die Sprechstunde da.
Wenn die Sprache verschwindet
Bei Menschen, die nicht in Deutschland aufgewachsen sind, kommt etwas hinzu, womit Familien selten rechnen. Die später gelernte Sprache kann zurückgehen.
Die Alzheimer’s Society beschreibt es so, dass die weniger vertraute und weniger tief verankerte Sprache eher verloren geht, und dass das häufig die später gelernte ist. Wie stark das ausfällt, ist von Mensch zu Mensch verschieden, denn es hängt davon ab, wann jemand eine Sprache gelernt hat, wie gut er sie beherrscht und wie oft er sie benutzt. Manche verlieren auch gar keine Sprache, sondern mischen beide. Wenn das Deutsche aber zurückgeht, versteht der Mensch es irgendwann auch nicht mehr, wenn man es zu ihm sagt.
Das trifft genau die Stelle, an der bei Demenz alles hängt, nämlich das Erklären. Eine Pflegekraft, die nicht mehr erklären kann, warum sie gleich die Decke aufschlägt, hat ihr wichtigstes Werkzeug verloren. Was dann bleibt, ist eine fremde Person, die etwas mit einem macht, das man nicht einordnen kann. Abwehr ist in dieser Lage keine Krankheit, sondern eine vernünftige Reaktion.
Deshalb arbeiten wir in sechs Sprachen. Bei Demenz ist das keine Bequemlichkeit mehr, sondern die Voraussetzung dafür, dass Pflege überhaupt stattfinden kann.
Was hilft, und was wir nicht versprechen
Über Demenz kursiert eine Geschichte. Jemand ist nach Jahren plötzlich wieder da, sagt den eigenen Namen, erkennt die Tochter und führt ein Gespräch wie früher.
Wir haben das nicht erlebt. In all den Jahren nicht ein einziges Mal.
Wir schreiben das hierhin, weil diese Erwartung Angehörige verfolgt. Man wartet darauf, man hofft bei jedem Besuch darauf, und man geht jedes Mal enttäuscht wieder nach Hause. Diese Hoffnung kostet mehr Kraft, als der Alltag sowieso schon kostet.
Was wir erleben, ist kleiner und dafür verlässlich. Alte Gegenstände helfen. Erinnerungen helfen. Geschichten helfen. Alte Gesichter helfen.
Sie holen niemanden zurück. Sie machen einen Moment leichter. Der Mensch wird ruhiger, die Abwehr lässt nach, und die Körperwäsche gelingt auf einmal, die zehn Minuten vorher noch nicht möglich war. Manchmal reicht ein Foto an der Wand, über das man kurz spricht, bevor man anfängt.
Deshalb fragen wir Familien nach genau diesen Dingen. Welches Lied früher im Radio lief. Wer auf dem Bild im Flur zu sehen ist. Was er beruflich gemacht hat und worauf er stolz war. Wir fragen danach, und wir geben es untereinander weiter, damit es nicht nur die eine Pflegekraft weiß, die zufällig danebenstand.
Woran wir merken, dass es zu Hause kippt
Es gibt zwei Anzeichen, bei denen wir das Gespräch mit der Familie suchen.
Eine Weglauftendenz. Wenn jemand anfängt, die Wohnung zu verlassen und nicht mehr zurückfindet. Ambulante Pflege kommt hier an ihre Grenze, weil wir zwei- oder dreimal am Tag da sind und nicht rund um die Uhr. Die Stunden dazwischen können wir nicht abdecken, und wir tun auch nicht so, als könnten wir es.
Wenn gar keine Leistung mehr zugelassen wird. Nicht ein schwieriger Morgen, den gibt es immer wieder. Sondern über Wochen, trotz zweiter Anläufe, trotz anderer Uhrzeiten, trotz wechselnder Pflegekräfte.
Als Erstes versuchen wir dann, die Angehörigen mit einzubeziehen. Wenn die Tochter oder der Sohn beim Einsatz dabei ist, funktioniert es häufig wieder. Meistens nicht auf Dauer, aber es verschafft Zeit. Und Zeit ist an dieser Stelle das Wertvollste, was man haben kann, weil eine Entscheidung, die in Ruhe fällt, fast immer besser ist als eine, die unter Druck fällt.
Wenn wir sehen, dass es kippt, sagen wir es Ihnen. Auch dann, wenn das bedeutet, dass wir Sie am Ende als Kunden verlieren.
Was das für Sie als Angehörige heißt
Sie müssen uns nicht vorbereiten und Sie müssen nichts beschönigen. Sagen Sie uns, wie es wirklich ist, auch die Nacht, auch das Schimpfen, auch das, was Ihnen unangenehm ist. Je genauer wir das wissen, desto besser können wir planen.
Und wenn Sie unsicher sind, ob es zu Hause noch geht, kommen Sie mittwochs zwischen 15 und 17 Uhr vorbei oder rufen Sie an unter 0209 5195 6450. Wir schauen uns die Lage an und sagen Ihnen ehrlich, was wir tragen können und was nicht.
Häufige Fragen
Versorgt ihr auch Menschen mit Demenz?
Ja. Bei einer Demenz hängt viel an der Tagesform: An guten Tagen läuft die Versorgung wie bei allen anderen, an schlechten Tagen ändert sich der Weg dorthin.
Was passiert, wenn meine Mutter die Pflege ablehnt?
Es wird niemand zu etwas gezwungen. Die Pflegekraft erklärt in Ruhe, warum sie da ist und was passieren soll. Wenn es an diesem Morgen nicht geht, fährt sie später noch einmal hin. In aller Regel klappt es beim zweiten Anlauf.
Wie geht ihr mit Aggressivität um?
Ruhig und sachlich. Unsere Kräfte lassen sich nicht beeindrucken und nehmen es nicht persönlich, weil sich der Mensch gegen eine Situation wehrt, die er gerade nicht einordnen kann.
Gibt es Tageszeiten, zu denen es besser funktioniert?
Ja. Direkt nach dem Aufwachen ist es häufig am schwierigsten, zwei bis drei Stunden später läuft dieselbe Versorgung oft unproblematisch. Weil wir nach Stadtteilen planen, können wir das berücksichtigen.
Warum kommt ihr bei Demenz auch mittags?
Meistens wegen Medikamenten, die sonst liegen bleiben würden. Das sind kurze Einsätze, die darüber entscheiden können, ob jemand zu Hause bleiben kann.
Woran merkt man, dass Pflege zu Hause nicht mehr reicht?
An zwei Anzeichen: wenn jemand eine Weglauftendenz entwickelt und nicht mehr zurückfindet, oder wenn über Wochen gar keine Leistung mehr zugelassen wird, egal was versucht wird. Wir versuchen dann zuerst, die Angehörigen einzubeziehen, das hilft oft vorübergehend.
Verlieren Menschen mit Demenz ihre Zweitsprache?
Ja, das erleben wir regelmäßig. Menschen, die Jahrzehnte in Deutschland gelebt haben, sprechen irgendwann nur noch ihre Muttersprache und verstehen auch kein Deutsch mehr. Deshalb arbeiten wir in sechs Sprachen.
Kann jemand mit Demenz noch einmal klar werden?
Wir haben in all den Jahren nicht erlebt, dass jemand plötzlich wieder da war. Was hilft, sind alte Gegenstände, Erinnerungen, Geschichten und vertraute Gesichter. Sie holen niemanden zurück, aber sie machen einzelne Momente ruhiger und leichter.
Was machen Angehörige bei Demenz am häufigsten falsch?
Sie lassen die Erkrankung nicht wirklich gelten und reagieren mit Korrigieren, Diskutieren oder Wut. Das ändert nichts und kostet Kraft. Hilfreicher ist, die ständige Wiederholung anzunehmen und nicht gegen die Erinnerung zu argumentieren.